„Mit überwältigendem Elan die Herausforderung angenommen“
02.08.2010 -
Zahlungsverkehr, Wertpapier- und Kreditgeschäft: Bankauszubildende müssen viel Fachwissen pauken. Dabei ist die Gefahr groß, dass die Förderung anderer Kompetenzen, zum Beispiel Teamorientierung und die Fähigkeit, eigenverantwortlich zu arbeiten, zu kurz kommt. Nicht aber bei der Sparkasse KölnBonn: Dort dürfen die Azubis vier Wochen lang eine Geschäftsstelle führen - mit großem Erfolg. BANKMAGAZIN-Autor Bernd Ettmann sprach mit Dieter Doetsch (Foto Mitte), Ausbildungsleiter der Sparkasse KölnBonn.
BANKMAGAZIN: Herr Doetsch, wie ist in Ihrem Hause die Idee entstanden, eine Geschäftsstelle für einen bestimmten Zeitraum ausschließlich von Auszubildenden betreiben zu lassen?
Doetsch: Für eine gute Ausbildung zum Bankkaufmann oder -kauffrau reicht die Vermittlung der theoretischen Grundlagen bei Weitem nicht aus. Bankkaufleute müsse nicht nur mit Zahlen, sie müssen auch mit Kunden umge-hen können. Der Schwerpunkt der Ausbildung liegt daher mittlerweile auf den Vertriebskompetenzen. Aber auch Teamorientierung und Belastbarkeit, Verantwortungsbewusstsein und Entscheidungsfähigkeit sind gefragt. Und das kann man am besten lernen und ausbauen in der konkreten Situation. Daher wurde in der Personalabteilung zusammen mit den Azubis im vergangenen Jahr die Idee der "Azubi-GS" entwickelt. Vier Wochen lang führten die Auszubildenden eigenverantwortlich und selbstständig eine Geschäftsstelle. Dazu haben wir, um bei den Auszubildenden die größte Motivation zum Ausbau der Kundenorientierung zu wecken, den Verantwortungsrahmen entsprechend ausgebaut und ihnen bereits vor Ende der Ausbildung die Kompetenzen der Mitarbeiter nach der Ausbildung übertragen. Das kam bei den Auszubildenden - und den Kunden - sehr gut an.
BANKMAGAZIN: Gab es nicht auch Skeptiker, die befürchteten, dass die Auszubildenden die Kundschaft verschrecken würden oder dass es zu rechtlichen Problemen kommen könnte?
Doetsch: Die rechtlichen Probleme haben wir geklärt. Das war keine Hürde. Auch unser Vorstand war direkt von der Idee überzeugt. Natürlich sind wir mit der Azubi-GS auch ein gewisses Risiko eingegangen. Aber das war überschaubar, immerhin handelte es sich ja um die Besten des dritten Ausbildungsjahres, die vorher noch durch ergänzende Seminare und Trainings geschult wurden. Außerdem hat jeder der Auszubildenden im Vorfeld einige Tage in der Geschäftsstelle hospitiert. Die Mitarbeiter konnten sich von der Kompetenz und dem Engagement der Auszubildenden überzeugen.
BANKMAGAZIN: Ihre Azubis haben es vergangenes Jahr vorgemacht: die Geschäftsstelle als Erlebniswelt, Mit-arbeiter im James-Bond-Outfit oder als Bauarbeiter verkleidet; Geschäftsstelle mit Wohnzimmeratmosphäre. Die Kunden sollten "Bankgeschäfte neu erleben".
Doetsch: Die Auszubildenden hatten und haben neue Ideen, und ich freue mich schon jetzt auf die Umsetzung in diesem Jahr bei unseren "Weltmeister"-Azubis. Auch wenn die vier Wochen Azubi-GS eine Ausnahmesituation sind, die man natürlich nicht eins zu eins auf andere übertragen kann. Aber wir haben unsere Erkenntnisse, vor allem, was die Kundenreaktionen auf diese Aktion angeht, gezogen und auch in diesem Jahr erneut eine Geschäftsstelle ausgesucht, die von Mitte Juni bis Mitte Juli von Auszubildenden geführt wurde. In diesem Jahr war es eine schon größere Geschäftsstelle im sehr lebendigen rechtsrheinischen Stadtteil Dellbrück, die vier Wochen lang unter dem Motto "Weltmeister von morgen - Bankalltag einmal anders" stand.
BANKMAGAZIN: Der Erfolg der Azubi-Geschäftsstelle zeigt, was möglich ist, wenn Mitarbeiter mit Spaß und Engagement auf Kunden zugehen. Lässt sich diese Motivation und Begeisterung auch langfristig aufrechterhalten und auf den „normalen“ Alltag in einer Geschäftsstelle übertragen?
Doetsch: Die Auszubildenden haben mit überwältigendem Elan die Herausforderung angenommen. Jede Minute wurde für Vertriebsaktivitäten genutzt, die Auszubildenden scheuten keine Mehrarbeit. Für Freizeitaktivitäten blieb wenig Raum. Das kann man natürlich nur eine begrenzte Zeit durchhalten.
BANKMAGAZIN: „Wir sind die Zukunft“, lautete das Motto Ihrer Auszubildenden, und da haben sie sicherlich Recht. Allerdings hat die Attraktivität des Berufes Bankkauffrau/Bankkaufmann in den vergangenen Jahren bei den Schulabgängern und damit bei potenziellen Bewerbern um einen Ausbildungsplatz stark gelitten. So klagen viele Kreditinstitute, dass es immer schwieriger werde, die Ausbildungsplätze durch geeignete Kandidaten zu besetzen. Haben Sie diese Entwicklung auch in Ihrem Hause festgestellt?
Doetsch: Leider ja. Die Attraktivität des Berufsbildes "Banker" hat - aus meiner Sicht unberechtigterweise - gelit-ten. Außerdem bauen viele Kreditinstitute Personal ab, wir auch. Für die Beratung unserer Kunden benötigen wir aber weiterhin hoch qualifizierte und hoch motivierte Mitarbeiter mit viel Flexibilität und der Freude, Menschen in ihren Finanzangelegenheiten zu helfen. Das Spannende daran ist, dass jeder Kunde anders ist und ich mich immer wieder auf neue Menschen einstellen muss, um zu verstehen, was das Richtige für die Kunden ist.
Auch wir sehen natürlich die Problematik, Auszubildende zu finden, die aus der Schule die nötigen fachlichen Grundlagen und sozialen Kompetenzen mitbringen. Wir haben aber immer noch mehr als zehn Bewerber auf jeden Ausbildungsplatz und bisher immer noch geeignete Kandidaten gefunden.
BANKMAGAZIN: Führen Sie spezielle Maßnahmen durch, um Schulabgänger für den Beruf des Bankers zu begeistern und zu Bewerbungen in Ihrem Hause anzuregen?
Doetsch: Um junge Menschen für den Beruf des Bankers zu begeistern, beteiligen wir uns an verschiedenen Initiativen. So präsentieren wir uns auf Ausbildungsplatzbörsen und -messen, nehmen Kontakt zu Schulen auf, erläutern dort das Berufsbild der Bankkaufleute und einiges mehr. Hierbei ist uns wichtig, dass uns unsere Auszubildenden unterstützen. Diese können den jungen Leuten ihre Begeisterung für den Beruf authentischer vermitteln. Wir bieten Schülern Praktikumsplätze an, damit sie sich vor Ort von der Tätigkeit eines Bankers ein Bild machen können. Zurzeit fördern wir junge Menschen, die samstags schulbegleitend die Junior-Management-School besuchen. Dort wird den Teilnehmern das Interesse für unternehmerisches Handeln mit der entsprechenden Methodenkompetenz vermittelt.
BANKMAGAZIN: Das Berufsbild der Bankkauffrau bzw. des Bankkaufmannes hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Welche Voraussetzungen muss ein Bewerber mitbringen, damit Sie ihm einen Ausbildungsplatz anbieten?
Doetsch: Die wesentlichsten Voraussetzungen sind die Freude am Umgang mit Kunden und verkäuferische Fähigkeiten. Eine fachliche Qualifikation ist natürlich auch erforderlich, wenn ich Kunden gut beraten möchte. Sachbe-arbeitende Aufgaben dagegen werden zunehmend durch technische Unterstützung ersetzt. Grundqualifikationen in Deutsch und Mathematik prüfen wir im schriftlichen Eignungstest. Kommunikationsfähigkeit, Begeisterungsfä-higkeit, Lernbereitschaft und Leistungsmotivation sind Kriterien, die wir im Vorstellungsgespräch überprüfen.
BANKMAGAZIN: Können Sie nach einem erfolgreichen Abschluss der Berufsausbildung allen Auszubildenden einen Arbeitsplatz anbieten?
Doetsch: Erfreulicherweise konnten wir allen unseren Auszubildenden ein Arbeitsplatzangebot machen. Diejenigen, die ihre Ausbildung mit guten Leistungen abgeschlossen haben, haben wir direkt unbefristet übernommen, die weiteren Auszubildenden befristet für zwei Jahre, um die guten praktischen Leistungen noch einmal zu prüfen. Hier haben wir in diesem Jahr allen, bei denen diese Frist abläuft, ein unbefristetes Arbeitsverhältnis anbieten können.
BANKMAGAZIN: Zum Schluss eine persönliche Frage: Herr Doetsch, angenommen, eine junge Frau oder ein junger Mann aus Ihrer Verwandtschaft fragt Sie, ob Sie den Beruf der Bankkauffrau bzw. des Bankkaufmanns empfehlen könnten. Was antworten Sie?
Doetsch: Diese Frage ist für mich sehr leicht zu beantworten. Meine Nichte hat vor kurzer Zeit in unserem Hause ihre Ausbildung absolviert. Als sie sich bewerben wollte, habe ich ihr sehr dazu geraten. Ich bin davon überzeugt, dass die Kunden auch in Zukunft gute, qualifizierte Bankberatungen in Anspruch nehmen werden. Außerdem ist die Sparkassen-Ausbildung eine sehr gute Voraussetzung für eine Weiterqualifikation in der Bankenbranche, um später auch spezialisierte Tätigkeiten, wie etwa als Wertpapierfachberater oder Firmenkundenberater, ausüben zu können.
Das Gespräch führte Bernd Ettmann, Herausgeber der wie BANKMAGAZIN im Gabler Verlag erscheinenden Zeitschrift BANKFACHKLASSE. Lesen Sie zum Thema "Azubi-GS" der Sparkasse KölnBonn auch den Artikel in der Augustausgabe des BANKMAGAZINS.
Foto oben: Die Teilnehmer des Projekts Azubi-GS 2010 im Fußballdress. Ihre Filiale stand unter dem Motto: "Weltmeister von morgen - Bankalltag einmal anders".
Autor(en): Bernd Ettmann