NACHRICHTEN

Hans-Böckler-Stiftung kritisiert standardisierte Prozesse im Retailverkauf

26.01.2011 - Die Verkaufsprozesse von Banken werden in einer in dieser Woche neu vorgestellten Studie der Hans-Böckler Stiftung "Sie müssen nicht verstehen, nur verkaufen" kritisiert. Ziel der Untersuchung durch den Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation und Personal der Universität Oldbenburg im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung war die Erforschung von Arbeitsorganisation und Vertriebssteuerung in der aktuellen Bankenpraxis. In einer Befragung wurden die Vertriebsstrategien von 127 „Groß- und Volksbanken“, ergänzend wurden Interviews und drei tiefergehende Fallstudien herangezogen. Das Fazit der Studie: "Teilweise unsäglich gewordene Zielsysteme", sorgen dafür, dass die Kundenberater fast keine Spielräume bei ihrer Arbeit haben. Insbesondere der Vorwurf der Studie, der Vertrieb nähere sich der Fließbandarbeit an, wurde in den Medien breit aufgegriffen.

IT-Systeme und Technik als Basis des Verkaufs
Die Studie zeigt den aktuellen Ausbau der IT-gestützten Customer Relationship Management Systeme auf und kritisiert, dass eine Datenbank das Rückgrat der Vertriebsaktivitäten bildet – nicht der einzelne Berater, der den Kunden und seine Lebensverhältnisse kenne. „Sämtliche verfügbaren Informationen über die Kunden werden gespeichert, die Beschäftigten müssen ständig Daten eingeben“, heißt es dazu in der Pressemitteilung der Hans Böckler Stiftung. Durch den Aufbau der Datenbanken seien die IT-Kosten in die Höhe geschossen: 1998 machten sie nur etwa ein Viertel der Gesamtkosten aus, sieben Jahre später bereits die Hälfte. Dafür sank der Anteil der Personalkosten von rund 65 auf nur mehr 45 Prozent. „Für die Volksbanken können wir diesen Trend nicht bestätigen“, so BVR-Pressesprecher Steffen Steudel, "unsere Personalkosten haben sich nicht verringert." Bei den Volksbanken gebe es keinen Trend, die Entscheidungen von Menschen durch Maschinen zu ersetzen. Man analysiere den Kunden zwar, es gehe hier jedoch um die Bedürfnisse, nicht um konkreten Produktverkauf. Kampagnengetrieben sei das Geschäft nicht mehr, denn: „Das hat falsche Anreize im Vertrieb gesetzt.“

Arbeiten unter ständiger Leistungskontrolle
Beim CRM rücke die Technik an die erste Stelle, sehr viele Arbeitsabläufe seien bis ins Detail vorgegeben, die Beschäftigten und Betriebsräte sprechen von einem fremdbestimmten Arbeiten. "Der Technikeinsatz wird als reglementierend und wenig Freiheitsgrade zulassend wahrgenommen", so die Stiftung. Insbesondere wird das umfangreiche Controlling und der Verkaufsdruck auf die Mitarbeiter kritisiert. Vorgabe bei etlichen Banken sei, dass jeder zweite Kundenkontakt zu einem Abschluss führen soll oder eine Beratung nicht länger als 30 Minuten dauern darf. Auch die Zahl der Kundengespräche werde häufig vom mittleren Management bestimmt.

Verkaufsziele gehen vor Kundenzufriedenheit
Überrascht waren die Forscher nach eigener Auskunft, in welchem Umfang die definierten Verkaufsziele alles andere überlagern. Ziele der Personalentwicklung, selbst "Kundenzufriedenheit, von der man meinen könnte, sie sei auf lange Frist gesehen das Lebenselexier jedweder Vertriebsorganisation", müssten demnach hinter den Verkaufsvorgaben zurückstehen.

Für die Volksbanken kann BVR-Sprecher Steudel aufgrund des genossenschaftlichen Geschäftsmodells diese Studienergebnisse nicht bestätigen. „Wir sind als genossenschaftliche Institute nicht kapitalmarktorientiert und haben uns zum Ziel gesetzt, in puncto Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit die Nummer Eins im Markt zu werden“, so Steudel. Gerade für regional verankerte Anbieter wie Volksbanken sei Verkaufsdruck keine nachhaltige Strategie.

Auch DSGV-Sprecherin Michaela Roth betonte, dass die Anreizsystem der Sparkassen auf eine bedarfsgerechte Beratung ausgerichtet seien. Bei der Bemessung der variablen Vergütungsbestandteile seien im Tarifvertrag seit Mai letzten Jahres auch qualitative Erfolgskennziffern wie Kundenzufriedenheit und Kundenbindung berücksichtigt. Auch der Bankenverband BdB, der die Interessen privater Bankinstitute vertritt, wies darauf hin, dass Vertriebsvorgaben die Kundeninteressen nicht beeinträchtigen dürfen. Da die Studie selbst noch nicht vorliege, ließen sich natürlich nur grundsätzliche Aussagen treffen. „Viele unserer Banken haben folglich - auch als Konsequenz aus der Finanzkrise - den Faktor "Kundenzufriedenheit" in die Gehaltsstrukturen der Berater integriert.“, so BdB-Sprecherin Kerstin Altendorf, und verweist darauf, dass 84 Prozent der Deutschen nach einer repräsentativen Umfrage des IPOS Instituts im Auftrag des Bankenverbands mit ihrer Hausbank zufrieden seien.

Sie sind Banker und haben einen Kommentar zur Studie? Schildern Sie Ihre Erfahrungen und Ansichten der Redaktion Bankmagazin unter bankmagazin@gabler.de. Wir verwenden und veröffentlichen Ihre Nachrichten ausschließlich anonymisiert.



Quelle: Breisig u.a. 2010 / Hans-Böckler-Stiftung 2010

Bild oben: (c) Peter Kirchhoff, Pixelio, http://www.pixelio.de/

Autorin: Anita Mosch ist freie Journalistin in Hamburg.

Autor(en): Anita Mosch
send print AddThis Feed Button
MEHR ZUM THEMA
Hans-Boeckler-Stiftung   Banken   BVR   DSGV   BdB   CRM   Vertrieb   Verkauf   Retail  
WEITERE NACHRICHTEN
» Frankfurts Banken rüsten sich für Protest-Tage
"Bislang läuft die Räumung ruhig ab". Das ist am heutigen Mittwoch Vormittag im Ticker zu den so genannten "Blockupy"-Protesten auf der Website der "Frankfurter Rundschau" zu lesen. Das Occupy-Camp vor der Europäischen Zentralbank muss vorübergehend geräumt werden. » mehr...
» Deutsche Kreditwirtschaft weist Kritik an Kreditangeboten zurück
Die Deutsche Kreditwirtschaft hat mit einer Stellungnahme auf die aktuellen "Finanztest"-Untersuchung zu Kreditangeboten reagiert. Man wolle die Ergebnisse unabhängig von der Kritik an einzelnen Bewertungsfaktoren der Untersuchung zum Anlass nehmen, Banken und Sparkassen nochmals auf die Anwendung der gesetzlichen Vorgaben sowie gemeinsam mit der Schufa auf die verschiedenen Auskunftsmerkmale und die Folgen einer falschen Merkmalssetzung hinzuweisen. » mehr...
» Finanzdienstleister machen beim Datenschutz keine Fortschritte
Um den gesetzeskonformen Umgang mit personenbezogenen Daten ist es bei Deutschlands Finanzdienstleistern laut einer Befragung der Beratungsgesellschaft KWF Business Consultants nicht zum Besten bestellt. So haben 60 Prozent der Bundesbürger in den zurückliegenden zwölf Monaten von Banken oder Versicherern Werbung für deren Produkte erhalten, ohne den Anbietern ihr Einverständnis dafür gegeben zu haben. » mehr...
 
 LOGIN
Benutzername
Passwort
 
NEWSLETTER
Newsletter Der Bankmagazin Newsletter informiert Sie regelmäßig über die Bankenszene und die Finanzbranche. Natürlich kostenlos!

  
Karrierechancen erobern
Testen Sie Ihren Marktwert! Testen Sie Ihren Marktwert!

Sie suchen neue Karrierechancen im Vertrieb? Sie wollen erfahren, wie hoch Ihr Marktwert ist und bei welchem Unternehmen Sie mehr Geld bekommen? Dann machen Sie mit bei der Aktion "Karrierechancen erobern" von BANKMAGAZIN und dem IMWF Institut für Management- und Wirtschaftsforschung!
Assistance
Assistance-Barometer 2012 Assistance-Barometer 2012

Für die Finanzwirtschaft werden Unterstützungs-Leistungen immer wichtiger. Eine Studie zur Servicedynamik in Deutschland bringt neue Erkenntnisse.
Banking Guide 2012
<br>Handbuch<br>Banking Guide 2012<br>
Handbuch
Banking Guide 2012


Neu erschienen! Informationen, Trends und Überblick: Das Who is Who der Dienstleister und Zulieferer - für Entscheider in Banken und Sparkassen.

BRANCHENINDEX ONLINE
BranchenIndex - B2B-Firmensuche für Industrie und WirtschaftDie B2B-FIRMENSUCHE für Industrie und Wirtschaft


In Kooperation mit der Hoppenstedt Firmeninformationen GmbH

Kostenfrei in über 300.000 Firmenprofilen nach Lieferanten, Herstellern, Dienstleistern und Händlern recherchieren:

» Zur Business-to-Business-Firmensuche

LEXIKON
GABLER WIRTSCHAFTSLEXIKON ONLINE

Gabler Wirtschaftslexikon Online: Lexikon und Definition für Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft, Recht und SteuernDas Wissen der Experten:
- Qualitätsgeprüft.
- 25.000 Stichwörter.
- Kostenlos online.

» Definition kostenlos im Lexikon suchen

 
Home Bestellung Mediadaten AGB/Datenschutz Impressum Kontakt RSS

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH