Geschäftsaussichten für Banken in diesem Jahr ungewiss
27.01.2012 -
Blickten Finanzinstitute noch vor einem Jahr sehr optimistisch in die Zukunft, ist die Stimmung 2012 deutlich gedämpfter. Rund 50 Prozent der Banken in Deutschland, Österreich und der Schweiz können die Geschäftsaussichten für das laufende Jahr noch nicht abschätzen.
Der Personalbestand wird stagnieren oder leicht sinken (in 37 Prozent der Institute), Gehaltsanpassungen fallen moderat aus (1 bis 3 Prozent) und die ausgezahlten Bonusvolumina werden sich eher verkleinern. Im Gegenzug gewinnen Maßnahmen zur Motivation und Bindung der wichtigsten und besten Mitarbeiter, wie etwa verbesserte Karrierechancen oder Retentionboni, wieder an Bedeutung. Gut zwei Drittel der Banken haben die neuen regulatorischen Vorschriften für die Vergütungssysteme bereits umgesetzt und damit ihre "Hausaufgaben" erledigt.
Zu diesen Ergebnissen kommt eine Befragung der Unternehmensberatung Towers Watson bei HR-Managern in 40 Bankinstituten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Untersuchung wurde zum sechsten Mal in Folge durchgeführt.
"Die gute Stimmung, die noch Anfang 2011 vorherrschte, ist offensichtlich umgeschlagen", erklärt Martin Emmerich, Director Rewards, Talent & Communication, bei Towers Watson, Frankfurt. "Insbesondere Banken in Österreich und der Schweiz schätzen ihre Geschäftsaussichten für 2012 eher negativ ein. Diese Skepsis wirkt sich auch auf die Personal- und Vergütungspolitik der Banken aus - hier agieren die Unternehmen deutlich zurückhaltender als noch vor einem Jahr."
Geringe Gehaltsanpassungen, niedrigere Boni
Dass die Gehaltserhöhungen 2012 niedriger ausfallen werden als im Vorjahr, zeichnet sich bereits jetzt ab. So wird es der Studie zufolge zwar kaum Nullrunden geben, jedoch wird ca. die Hälfte aller Banken in Deutschland, Österreich und der Schweiz (46 Prozent) die Vergütung nur moderat anpassen - in Höhe von ein bis zwei Prozent. Ein gutes Drittel (37 Prozent) plant etwas höhere Anpassungen zwischen zwei und drei Prozent. "Die Banken in der Schweiz agieren sehr zurückhaltend mit mehrheitlich niedrigen Gehaltserhöhungen bis zu einem Prozent. Banken in Österreich hingegen bewegen sich mit über drei Prozent Anpassung eher im oberen Segment. Deutschland liegt im Mittelfeld", so Towers-Watson-Berater Emmerich.
Auch bei den Boni wird der Rotstift angesetzt: Mehr als die Hälfte der Banken geht davon aus, dass die Boni für alle Mitarbeitergruppen reduziert werden.
Besonders betroffen sind die stark vom kurzfristigen Geschäftsergebnis geprägten Unternehmensbereiche. So fallen die Reduzierungen etwa im Kapitalmarktgeschäft, im Asset-Management oder im Investment-Banking besonders deutlich aus. Das gilt insbesondere für Führungskräfte und Vorstände. Die niedrigsten Bonusreduzierungen werden hingegen im Private & Retail-Banking erwartet. Nur knapp ein Drittel der Institute rechnet mit unveränderten Bonushöhen, ca. zehn Prozent werden die Boni gegenüber dem Vorjahr erhöhen.
Mitarbeiterbindung durch Karrierechancen und Retentionboni
Die Unsicherheit in der Einschätzung der Geschäftsperspektiven schlägt sich auch in der Personalplanung nieder. Etwa die Hälfte der befragten HR-Manager rechnet mit einem Personalabbau von bis zu fünf Prozent oder mehr. Lediglich 13 Prozent der Banken wollen neue Mitarbeiter einstellen.
"Angesichts dieser eher durchwachsenen Aussichten sollten Banken dem Thema "Mitarbeiterbindung" besondere Aufmerksamkeit widmen", gibt Towers-Watson-Vergütungsexperte Emmerich zu bedenken. So gewinnen auch Retentionboni zur Bindung von Schlüsselmitarbeitern in über 60 Prozent der Banken wieder an Bedeutung. Insbesondere in Deutschland bewegen sich die Retentionboni wieder auf dem Niveau des Krisenjahres 2009.
In den befragten Schweizer Banken werden hingegen meist keine besonderen Maßnahmen zur Honorierung und Bindung von Schlüsselmitarbeitern getroffen. In Österreich setzt mehr als die Hälfte der befragten Banken in punkto Mitarbeiterbindung auf andere Maßnahmen.
"Im Finanzsektor sind aus Mitarbeitersicht neben einer wettbewerbsfähigen Vergütung auch Aufstiegs- und Karrieremöglichkeiten sowie eine interessante und herausfordernde Tätigkeit sehr gefragt", betont Finanz-Experte Martin Emmerich. Karrierechancen werden im Finanzsektor sogar noch höher geschätzt als in anderen Branchen, wie die Global Workforce Study 2010 von Towers Watson zeigt. "Banken sollten daher an den Karrierechancen ansetzen, wenn sie ihre Mitarbeiterbindungsstrategie überarbeiten", empfiehlt Emmerich.
Regulatorische "Hausaufgaben" weitgehend erledigt
Nach der Finanzmarktkrise erließen der Gesetzgeber und die Bankenaufsicht Vorschriften, die unter anderem eine nachhaltige und langfristige variable Vergütung insbesondere für die Geschäftsleitung und für so genannte Risk-Taker (z. B. Mitarbeiter, die besondere Risikopositionen verantworten, aber auch Revisoren und Compliance) fordern. Rund zwei Drittel der befragten Banken haben ihre Vergütungssysteme daraufhin umgestellt. Bei einem Drittel wurde die Überarbeitung begonnen, aber noch nicht abgeschlossen. Besonders weit sind die Banken in Österreich: Hier haben sogar 75 Prozent ihre regulatorischen "Hausaufgaben" bereits erledigt.
Dabei setzen zwei Drittel der befragten Banken bei Auszahlungen für 2011 so genannte Deferrals für Boni von Geschäftsleitern und Risk-Takern ein. Das heißt, die Auszahlung eines Teils der Boni wird über mehrere Jahre aufgeschoben. Die Höhe der zeitlich verzögerten Auszahlung richtet sich auch nach dem Geschäftserfolg in den Folgejahren. "Dadurch wird erreicht, dass die Führungskräfte nicht nur auf den "schnellen Gewinn" schauen, sondern vielmehr eine langfristige sowie nachhaltige Geschäftsentwicklung anstreben und im Blick behalten, wie sich die aktuell getroffenen Maßnahmen in den Folgejahren auswirken können", erklärt Towers-Watson-Experte Emmerich.
Ein Drittel der befragten Banken, insbesondere in Österreich, wendet dieses Jahr erstmalig Deferral-Systeme an. In der Schweiz sind derartige Strukturen schon bei knapp der Hälfte der Banken etabliert. In Schweizer Banken werden die Boni dabei mehrheitlich bis zu drei Jahre oder länger zurückgehalten, in Deutschland sind es zumeist höchstens drei Jahre. Lediglich in Österreich werden die Boni - entsprechend den österreichischen Vorschriften - über fünf Jahre gestreckt.
Bildquelle: © Gerd Altmann
Autor(en): Bankmagazin