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Mittelstand: "Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um zu kaufen"

22.08.2011 - Lutz Weiler, CEO der equinet AG, im Interview mit BANKMAGAZIN zum Thema Finanzierung und Mergers & Acquisitions (M&A) im Mittelstand.

BANKMAGAZIN: Herr Weiler, was bedeutet die momentane Schuldenkrise und die Achterbahnfahrt an den Börsen eigentlich für die Finanzierung eines deutschen Mittelständlers?
Weiler: Natürlich ist die Finanzierung über die Kapitalmärkte aktuell deutlich beeinträchtigt. Das klassische Instrumentarium der Kapitalaufnahme für börsennotierte Unternehmen ist momentan de facto ausgeschaltet. Im Klartext: Börsengänge sind angesichts des Sturms, der an der Börse tobt, kurzfristig kaum realisierbar. Wenn momentan ein IPO gelingen sollte, dann wohl nur mit größeren Abschlägen auf den fairen Unternehmenswert. Je nach Dauer, weiterem Ausmaß der Verwerfungen an den Märkten und dem damit fehlenden Vertrauen der Anleger könnte sich das Finanzierungsfenster über die Börse durchaus auch für längere Zeit wieder schließen. Gerade Unternehmen, die sich bereits in der konkreten Vorbereitung auf einen Börsengang befinden, sollten sich auch über alternative Finanzierungsoptionen Gedanken machen.

BANKMAGAZIN: Was ist dann eine Alternative für Mittelständler, die ihre Eigenkapitalausstattung verbessern wollen?
Weiler: Unternehmen bzw. deren Eigentümer, die bereits IPO-Pläne haben, sollten in der aktuellen Situation zweigleisig fahren. Ein so genannter Dual Track - also die parallele Vorbereitung eines Börsengangs sowie eines außerbörslichen Verkaufs von Unternehmensanteilen - erhöht in unsicheren Marktzeiten die Flexibilität für die Entscheidungsträger. Hinzu kommt: Private Equity Fonds unterschiedlicher Couleur und Herkunft bewegen sich entgegen früherer Usancen auch wieder in Richtung Minderheitsanteile. Geld ist dort durchaus vorhanden, einige Fonds müssen sogar investieren. Ein Mittelständler sollte sich also durchaus fragen, ob nicht gerade jetzt der geeignete Zeitpunkt gekommen ist, die Kapitalbasis zu stärken. Eigenkapital von externen Investoren kann dabei helfen, für die sich eventuell abzeichnende Abschwächung des Wirtschaftswachstums gut gewappnet zu sein. Die letzte Krise hat für viele schmerzlich gezeigt, dass ausreichend Eigenkapital ein lebensnotwendiger Baustein für viele Mittelständler ist, wenn die Gewinne mal ausbleiben. Da gilt es rechtzeitig vorzusorgen.

BANKMAGAZIN: Ist das zuletzt boomende Segment der Mittelstandsanleihen denn ebenfalls tangiert von dem Crash an den Finanzmärkten?
Weiler: Man sieht an den Kursverläufen der notierten Mittelstandsanleihen, dass es dort bereits den einen oder anderen Bremspunkt gibt. Von daher sieht es danach aus, als würde diese Asset-Klasse ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen werden. Für Anleger, die sich hier ob der hohen Zinsen weiterhin engagieren wollen, gilt nun: Sollte sich die Wirtschaft ab 2012 wieder abschwächen - und danach sieht es momentan ja aus - sollte bei den Emittenten noch stärker auf die Rückzahlungsfähigkeit geschaut werden. Auch dem Rating wird aus diesem Grund nach meiner Ansicht zukünftig eine höhere Bedeutung zukommen als dies in der Vergangenheit bei den Mittelstandsanleihen der Fall war. Für die Unternehmen sind Anleihen grundsätzlich sicher weiterhin eine Finanzierungsoption im Rahmen des Finanzierungsmix. Nur gilt es eben, genau diese Themen wie Kapitaldienstfähigkeit oder Fälligkeitsprofile genau darzustellen.

BANKMAGAZIN: Was raten Sie einem Mittelständler in der aktuellen Situation, der strategische Akquisitionen ins Auge fasst? Erstmal abwarten?
Weiler: Im Gegenteil: Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um zu kaufen. Strategische Investoren verfügen in der Regel über gut gefüllte Kassen und könnten die aktuelle Marktschwäche nutzen, um ihr Geschäft sinnvoll zu ergänzen. Von Vorteil könnte sein, dass nicht mehr so hohe Preise aufgerufen werden wie noch in der ersten Jahreshälfte. Dieses "window of opportunity" bliebe bei anhaltendem Kursverfall so lange geöffnet bis die Verkäufer nicht mehr bereit sind, für rückläufige Preise zu verkaufen. Es bietet sich also gerade eine gute Möglichkeit, die nicht von Dauer sein wird. Daher glaube ich, dass einige solide aufgestellte Unternehmen davon Gebrauch machen werden und somit die Anzahl der Fusionen und Übernahmen in den kommenden Monaten zunehmen wird. 5. Was bedeutet die aktuelle Krise für Brokerhäuser wie equinet? Weiler: Zunächst mal ist das Handelsvolumen ja zuletzt deutlich gestiegen. Das ist für Broker natürlich erst mal nicht schlecht. Allerdings befürchte ich, dass vor allem die enorme Volatilität und der heftige Kursverfall binnen weniger Tage dazu führt, dass für geraume Zeit die Kapitalmarktaktivitäten in jeder Hinsicht verhalten sein werden. Dazu kommt, dass seit geraumer Zeit aus verschiedenen Gründen, wiezum Beipsiel der sukzessiven Abschaffung des Präsenzhandels, höherer Anforderungen an das Eigenkapital und zunehmender Herausforderungen an die IT-Systeme bereits ohnehin eine Marktbereinigung zu beobachten ist. Dieser Prozess könnte sich nochmals verstärken, eine weitere Konzentration dürfte stattfinden. Wir als equinet Bank sind sehr solide aufgestellt und kapitalmäßig exzellent ausgestattet. Daher sehen wir eine möglicherweise anstehende Konsolidierung als Chance, die Bank und ihre Aufstellung weiter zu optimieren.

Autor(en): Bankmagazin
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